Zurück in die Zukunft mit der Rolls-Gang

Radiomann Reeto von Gunten teilte seine Altersfantasien

Reeto von Gunten hat an seinem Tagebuch weitergeschrieben. Er notierte, was er in den kommenden Fünfzigerjahren erleben könnte - Titel: Weiter vorgesorgt; Genre: Geronto Fiction. Die Zukunft, die letzten Lebensjahre gehen ja Alle etwas an. Soviel pubertäre Fantasie und schrägen Humor wie der Wortkünstler und Radiomoderator bringen wohl nicht Viele in der Zielgruppe auf. Sie lachten am Freitagabend aber herzlich gern darüber.

Wenn man die Einträge aus Reeto von Guntens zukünftigem Tagebuch hört, wird man das Gefühl nicht los, im hohen Alter zerbröseln die Hemmschwellen und man fährt rückwärts zurück in die Teenagerzeit. Wenn er sich vorstellt, wie er die Tage im Altersheim verbringen wird, weht stets ein Hauch Anarchie mit.  Statt mit dem frisierten Töffli ist er mit Kumpels und Freundinnen mit dem «Rolls» (Rollator) unterwegs. Die «Groupies» (achtsame Pflegepersonen) lässt man gewähren, hört aber nicht auf sie.
Reeto von Gunten war vor 15 Jahren schon einmal Gast bei der Kulturgruppe Appenzell. Am Freitag präsentieret er vor voll besetzten Stuhlreihen in der Kunsthalle die Fortsetzung seines Geronto Fiction-Tagebuchs «weiter vorgesorgt».

Fade out oder full stop
Er las vor, was sich im Oktober (wahrscheinlich) 2052 möglicherweise abspielt. Täglich gibt es von kleinen Freuden zu berichten wie dem famosen Theater am Zmorge-Buffet, der Gymnastik auf dem Zebrastreifen (um Automobilisten zu erschrecken), vom Ausflug in die Stadt – wie vor siebzig Jahren mit dem Moped -, von meditativen Stunden vor leeren Zoogehegen, von Streichen, die man Mitbewohnerinnen und Personal spielt.
Der Tagebuchschreiber wird manchmal fast philosophisch. «Kaum ist man alt, ist man niemand mehr, nur noch alt.» Darum feiert die Rolls Gang – Jäckli, Pesche, Didi, Pia, Müschterli – jeden Moment, in dem sie sich wieder wie jemand fühlen. Musikcrack Reeto von Gunten wird sich in 25 Jahren vielleicht wie sie beim Aufwachen oft die grossen Fragen stellen (wie Barbara Bleisch): «Wo bin ich hier, was mach ich hier?» Oder er macht sich Gedanken über das Ende der eigenen Lebensmelodie: «Fade out oder full stop»?

Vorfreude auf die Zukunft
Dem Publikum hat das grossmehrheitlich gut gefallen. Viele mochten herzhaft lachen, beispielweise über die Vorstellung, dass wo sie ihre dritten Zähne verlegt haben. Reeto von Gunten kann ganz famos die Kopfkinos in Schwung versetzen. Manche Beschreibungen aus dem Jahr 2052 kratzten für einige Zusehenden an Grenzen von Geschmack und Erträglichkeit. Die anekdoten waren voll schräg oder ziemlich makaber. Aber Kabarett darf das: Auf der Bühne darf schamlos übertrieben werden - bis nur noch Lachen hilft, die Realität zu ertragen. Es hilft, sich mit der eigenen möglichen und gar nicht mehr allzu fernen Zukunft anzufreunden. Es hilft, sie mit Humor und Fantasie zu erwarten. Wer wollte nicht Mitglied der coolen Rolls-Gang sein! Oder sich vielleicht noch einmal ein bisschen verlieben wie der Erzähler.

Verheissungsvolle Aussichten
Man hört Reeto von Gunten einfach gern zu, egal ob seine Altersfantasie wild galoppiert, ob er Spoken Word-Kunst vorträgt oder in seiner Radiosendung «Sonntagmorgen auf Radio SRF3» für gute Laune sorgt. Am Freitagabend herrschte so etwas wie Sonntagmorgenstimmung. Seine vielgerühmte samtige Stimme und der weiche Bernerdialekt trugen ebenso dazu bei wie der Blick in sein Fotoalbum und seine poetischen Texte dazu, die eine ebenso angenehme Frauenstimme vorlas. Der Autor musste oft selbst leise lachen über seine Einfälle, besonders über «Idene» aus seinem gleichnamigen Buch, die er als Zugabe vorlas. Das war ansteckend. Das Publikum, darunter Fans von weit her, bedankte sich sehr herzlich für die fantasieprallen Aussichten auf einen verheissungsvoll schimmernden Lebensabend. 

Text und Bilder: Monica Dörig