Heisse Fakten auf der Ringofen-Bühne

Kilian Ziegler

Wortakrobat Kilian Ziegler präsentierte in der «Zieglerhütte» Wahres und Skuriles, Erstaunliches und Bedenkliches über Temperaturen.

Wortakrobat Kilian Ziegler zerpflückte die Herausforderungen dieser Zeit

Durchschnittstemperatur im Sommer in Appenzell: 7 Grad, Betriebstemperatur von Politikern im Wahlkampf: «fadegrad»; «Mittagessen ist fertig!»: «Chome grad». Kilian Ziegler jonglierte vergangenen Samstag in der Kunsthalle Ziegelhütte mit Fakten und Worten. Am Ende seines Programms «Wortspiele am Siedepunkt (99°)» brodelte es zwar nicht im ausverkauften Haus; das Raum- und Gemütsklima war aber wohlig aufgeheizt.

Manchmal macht nur ein einzelner Buchstabe den Unterschied. Die Zieglerhütte war am Samstag voll besetzt. Über 140 Menschen erfreuten sich an der Wortakrobatik von Kilian Ziegler. Bei ihm wird Last zur List oder gar Lust. Sein Programm «Wortspiele am Siedepunkt (99 °)» widmet sich der erhitzten Welt und erhitzten Gemütern. Das Publikum bekam während über zwei Stunden Temperaturlehre, Fakten zur Klimaerwärmung, Wortwitz und Poesie, raffiniert gemischt unter die Nase gerieben oder subtil eingeträufelt.

Kabarett und Poesie
Das kann der mittlerweile Vierzigjährige Oltner hervorragend: Wörter zusammen- und auseinanderklauben, Fakten recherchieren und mehrdeutig präsentieren und alles in ungeahnte Zusammenhänge stellen. Angefangen hat Kilian Ziegler als gut Zwanzigjähriger mit Poetry Slam. Er gewann etliche Wettkämpfe und wurde mit Preisen ausgezeichnet. Seine rhythmischen, tiefgründigen Reime – theatralisch deklamiert - sind im Kabarettprogramm mit Power Point poetische Inseln, mal ein bisschen melancholisch, mal wortwitzig, immer geistreich und erheiternd. Er verpackt die Werte, für die es sich zu kämpfen lohnt, unter anderen in das Heldinnenepos für Huhn Elsa: Gleichberechtigung, Demokratie, Freiheit. Mit schonungsloser Selbstironie hält er auch uns den Spiegel vor.

Erhitzte Welt
Das Publikum hat viel gelacht am Samstagabend. Es ging wie damals vor elf Jahren, als der junge Comedian eingeladen von der Kulturgruppe Appenzell zusammen mit einem Musiker im altehrwürdigen «Leue-Säli» in Appenzell gastierte, mit wohlig warmem Gefühl im Bauch, mit Bonmots in den Hirnwindungen und frohem Gemüt nachhause. Auch als der Wortakrobat im zweiten Teil ernster wurde und etwas belehrend: Die Zuhörenden liessen sich gern ein auf seine Vorschläge ein, was jede und jeder zu einer besseren und cooleren wie kühleren Welt beitragen könnte: Dusch- und Fluggemeinschaften bilden zum Beispiel. Oder wenig Fleisch essen (dem köstlichen Tafelspitz und Coq au Vin im Bistro der Kunsthalle konnte man allerdings nicht widerstehen.) Er rät, sich für die kritische Lage zwischen Normalität und Klimakollaps einer Untergangsjacke anzuschaffen (anstelle der Übergangsjacke). «Das brandaktuelle Kleidungsstück lässt den Spagat zwischen Vertrocknen und Ersaufen überstehen. Die integrierte Schwimmweste ist atmungsaktiv, denn wenn einem das Wasser zum Hals steht, will man nicht auch noch schwitzen», warb er für seine Erfindung.
Kilian Ziegler vermittelte auch Zuversicht: Auch wenn die Welt kurz vor dem Überkochen zu stehen scheint, der Diktator mit rotem Kopf vor dem roten Knopf hockt: Irgendwann kühlen erhitzte Gemüter und extreme Temperaturen wieder ab.

Endgültige Kreislaufwirtschaft
Inspirieren lässt sich der Poet und Kabarettist auf den Perrons seines Heimatbahnhofs. Da keimen philosophische Gedanken und blüht die Fantasie: Er würde gern seine Sorgen und Ängste verpacken und in die vorbeirauschenden Güterzugscontainer verladen. «Dann wär’ ich irgendwann so gelöst wie… wie ein gekauftes Zugbillett.» Er vermutet: «Wir könnten die Welt ein bisschen verändern mit weniger Zweifeln und mehr Gelassenheit, mit mehr Zaubern statt Zaudern. Vielleicht befinden wir uns gar nicht am Siedepunkt, sondern am Wendepunkt?»


Nach der wahren Geschichte vom Altersheim im Zürcher Oberland, das mit der Abwärme eines Krematoriums geheizt wird – da bekommt «Heizkörper» eine ganz neue Bedeutung – brodelte es auf dem Ringofen zwar nicht, dem Publikum war es aber sehr warm ums Herz. Es quittierte die manchmal im Stakkato aufeinanderfolgenden Pointen mit viel Applaus und Gelächter. Es hätte Kilian Ziegler gern noch lange zugehört. Verlängern kann man den Genuss durch das Lesen seiner Nummern, Gedichte, Kolumnen und Essays in seinem Buch, auf das er nach eigenem Bekunden sehr stolz ist («Dass es überraschend kommt, habe ich erwartet» im knapp Verlag). Der Abend mit Kilian Ziegler war ein herrlicher Auftakt zum Kleinkunstjahr 2026 der Kulturgruppe Appenzell.

Text und Bilder: Monica Dörig