27 Lieblingswerke im Dialog mit Innerrhoden

Auswählen und Auserwählte: Kunstmuseum Appenzell stösst persönlichen Austausch mit Werken aus der Sammlung an

Die Ausstellung «Lieblingswerke Sammlung » im Kunstmuseum Appenzell dauert noch bis 19. April. Nun fand eine besonders fachkundige Gruppe den Weg ins Museum zur Reflektion mit sich selbst als auch den von ihnen ausgewählten Werken, welche in der aktuellen Schau zu sehen sind: die Innerrhoder Kunststiftung und die Kulturgruppe Appenzell.

Zunächst wirkt die laufende Ausstellung im Kunstmuseum Appenzell, welches zusammen mit der Kunsthalle Appenzell zur Heinrich Gebert Kulturstiftung als deren Trägerin gehört, wie ein grosses Sammelsurium auf den Besuchenden. Vielleicht ist man geneigt, etwas überfordert zu sein ob der ungewöhnlichen Vielfalt an Werken – Vielfalt an Stilrichtungen, Künstlerinnen und Künstlern sowie Zeitepochen. Wo ist der rote Faden? Dieser findet der Besucher in der ungewöhnlichen Herangehensweise der Bestimmung der ausgewählten Kunstwerke.

Lieblingswerke
«Wir luden Gruppen und Individuen, die mit unseren Häusern in Verbindung stehen oder welche die kulturelle Landschaft in Appenzell Innerrhoden mitgestalten, ein, eines oder mehrere Werke aus der Sammlung auszuwählen», so Museumsdirektorin Stefanie Gschwend. Letzten Donnerstag liessen sich Vertreterinnen und Vertreter der Innerrhoder Kunststiftung und der Kulturgruppe Appenzell sowie weitere Besuchende von Stefanie Gschwend durch die Ausstellung mit den von ihnen im Vorfeld ausgewählten Werken führen.
Die in der Schau gezeigten 27 Lieblingswerke wurden insgesamt von folgenden Einzelpersonen und Institutionen ausgewählt: Regina Brülisauer, Sebastian Fässler, Myriam Gebert, Christian Hörler, Simona Martinoli, Christian Meier, Luca Tarelli, Appenzellerland Tourismus, Asylzentrum Appenzell Innerrhoden, Museum Appenzell, Standeskommission Appenzell Innerrhoden sowie der Innerrhoder Kunststiftung und der Kulturgruppe Appenzell.

Wahl fiel auf Tagwerker und Gschwend
Die Innerrhoder Kunststiftung fördert das zeitgenössische Kunstschaffen des Kantons Appenzell Innerrhoden im Bereich der Bildenden Kunst durch die Ausrichtung von Werk- und Förderbeiträgen sowie durch den Erwerb von künstlerischen Werken. Zum Stiftungsrat gehören nebst Daniela Mittelholzer (Präsidentin) noch Rebekka Dörig Sutter, Sandra Neff und Stefanie Gschwend. Die drei Frauen – nebst Museumsdirektorin Gschwend – haben sich für zwei Lieblingswerke entschieden. Dies nach längerer Diskussion: «scan.portrait» (2007) von Gerold Tagwerker – zu sehen in Raum 3 – und «Living Fabrics 8» (2018) von Nesa Gschwend – zu sehen in Raum 9.

Gegenstimmen als Spiegelungen
Präsidentin Daniela Mittelholzer argumentierte den Entscheid: «Als Gremium wählen wir nicht nach Geschmack. Wir verhandeln Argumente, hören einander zu und lassen uns von Gegenstimmen überzeugen. » Vielfalt werde bei ihnen differenziert betrachtet und verhandelt, führte sie aus. Bei Gerold Tagwerker sei ihnen die Entscheidung leicht gefallen, unmittelbar. «Das Werk ist nie identisch mit sich, es reflektiert seine Umwelt», lautet ihre Erklärung. Dies wiederum passe zu ihnen als Entscheidungsgremium. Gerold Tagwerker ist 1965 in Feldkirch geboren, lebt und arbeitet in Wien. Er setzt sich in seinem Kunstschaffen vor allem mit Stadtbildern und ihren vielfältigen Spiegelungen im modernen Raum auseinander.

Was gefällt – was nicht?
Anders sah es aus beim textilen Werk «Living fabrics 8» von Nesa Gschwend, das zunächst nicht in der engeren Wahl der Stiftungsrätinnen stand. Die in Altstätten aufgewachsene Nesa Gschwend (1959 bis 2022) kommt ursprünglich aus dem textilen Gestalten und verknüpft in ihren Werken Handarbeiten wie Stricken, Nähen und Knoten mit performativen Prozessen und Alltagsmaterialien. «Ihre Nähe zum Alltag, zum Körper, machen ihre Werke spannend», so die drei auswählenden Frauen von der Kulturstiftung.
Nesa Gschwend’s Werk aus der Reihe «Living Fabrics», wirkt auf den ersten Blick nicht nur schön auf den Betrachter, verkörpert nicht jene Ästhetik, welche unbewusst vorprogrammiert ist. Stoffe tragen in physischer Form Geschichten, schöne und weniger schöne. In partizipativen Performances an unterschiedlichen Orten auf der Welt hatte Nesa Gschwend mit «Living Fabrics» ein Projekt entwickelt, das sich gebrauchter Textilien annimmt. Die Ausstellungsräume sind jeweils ergänzt mit weiteren Werken, welche die Museumsdirektorin aus der Sammlung auswählte.

Fähnern inspiriert
Der Verein Kulturgruppe Appenzell besteht aus acht Aktivmitgliedern im Vorstand. Als unabhängiger Verein veranstaltet er ein breites Kulturprogramm aus allen Bereichen der Kleinkunst. Präsidiert wird die Kulturgruppe Appenzell von Silvio Signer. Ihre Werkwahl fiel auf ein kleinformatiges Bild, das durch seine ungewöhnliche Farbigkeit auffällt: «Fähnern bei Sonnenuntergang» (entstanden in den Jahren nach 1907) von Carl August Liner. Die Kulturgruppe fühlte sich ohne grosse Diskussionen schnell von diesem Bild angezogen bei der Sichtung im Depot. «Die feine farbige Darstellung ist vergleichbar mit unserem Ansinnen. Auch wir bieten unserem Publikum kulturelle Farbtupfer », so Signer. Zudem ist ihnen der Blick auf Fähnern sehr wohl bekannt, denn diesen erleben sie jeweils vor ihren Veranstaltungen in der Kunsthalle, von welcher aus man direkt auf Fähnern sieht – dem nördlichsten Schweizer Voralpen-Gipfel auf rund 1500 Metern im Bezirk Schwende-Rüte.
Bei einem abschliessenden Apéro im Eingangsfoyer des Kunstmuseums unterhielten sich die Besucherinnen und Besucher nochmals über die von ihnen und den andern «Ausstellungsmacherinnen und -machern » getroffene Wahl und deren Erlebnisse beim Entscheidfindungsprozess.

(Bild und Text: Claudia Hutter)