Das Leben und die Haken die es schlägt

Stefan Waghubinger eröffnete den Veranstaltungsreigen der Kulturgruppe Appenzell mit federleichtem, philosophischem Kabarett

Stefan Waghubinger spaziert mit feinem Humor und unverhofften Pointen im Gepäck durch die Menschheitsgeschichte und den Alltag eines Mannes in den besten Jahren. Der erste Anlass der Kulturgruppe  Appenzell im neuen Jahr hat das Publikum begeistert. Das Programm des österreichisch-deutschen Kabarettisten, «Jetzt hätten die guten Tage kommen können», war reich gefüllt mit philosophischen Erkenntnissen, die dazu inspirierten das Leben und die Haken die es schlägt, aus einem andern Blickwinkel zu betrachten.

Das Publikum im Saal des Restaurants Alpstein hörte aufmerksam zu als Stefan Waghubinger fast ohne Punkt und Komma über die Unwägbarkeiten des Lebens sinnierte. Es war so konzentriert, dass es oft gar nicht dazukam, herzhaft  zu lachen über die Pointen die der österreichisch-deutsche Kabarettist unverhofft und feingeschliffen setzte.  Er schickte seine Gedanken vom Dachboden aus in alle Richtungen.  Dort vertat er sich die Zeit bis zum Eintreffen von Freund Wolfgang, der ihm helfen sollte seine Habseligkeiten im Elternhaus zu verstauen, in das er zurückgekehrt war wegen der Trennung. Und hier, zwischen Zeitungsbündeln und ausgedienten Möbeln, holten ihn die Erinnerungen ein an die Kindheit, als Klimaschutz noch einfach war: «Iss auf, sonst gibt’s morgen schlechtes Wetter». Das Leben kommt ihm vor wie die ungeliebte Schwammerlsuppe, die er immer wieder auslöffeln musste, auch wenn er sie sich nicht selbst eingebrockt hat. Und hier, im schummrigen Licht der altmodischen Lampe ereilt ihn manche Weisheit: «Die Erkenntnis dass es zu spät ist, kommt meistens zu spät».

Philosophische Erkenntnisse am Laufmeter
Der studierte Theologe und ehemalige Jugendhelfer, der vor zehn Jahren  Kabarettist wurde und seither mehrfach preisgekrönt wurde, zuletzt im Januar mit der «Freiburger Leiter», bot druckreife philosophische Einsichten am Laufmeter – und das für nur ein paar Franken Eintritt. Zum Beispiel, dass man immer ein Haar in der Suppe findet, wenn man danach sucht – «weil halt immer eins da ist». Oder: «Spuren hinterlassen geht eben nur, wenn nicht immer jemand hinter dir her putzt». Die Lebensweisheiten Marke Waghubinger sind die Essenz aus den Kürzestgeschichten, die der Fabulierer zu einem Teppich verwebt - wie das aufgerollte Exemplar auf seinem Dachboden - in den bunt leuchtende Fäden und Lebensgarn in allen Schattierungen von Grau eingeknüpft sind, der da und dort schon etwas zerschlissen ist, der die groben Schritte des Schicksals dämpft,  aber auch ein paar Stolperfransen aufweist.

Gute Tage für Eichhörnchen
Stefan Waghubinger schlug grosse Bögen von den Steinzeitmenschen  über Sokrates, zu den Dinosauriern bis zu Schrödingers Katze, zur EU bis ins Universum. Die Dimensionen der Schöpfung und der Menschheitsgeschichte lassen ihn demütig und poetisch werden und einen Augenblick schweigen. «Es gibt noch immer 500 Mal mehr Bäume auf der Erde als Menschen: Wären wir oben geblieben, hätten wir genug Wohnraum». Er staunt immer mal einen Moment über das Leben und die Haken, die es schlägt. Und das Publikum ist hingerissen von den Um- und abwegen, die seine Gedanken einschlagen.


Es wusste am Ende, dass ein Eichhörnchen nicht nach dem Sinn des Lebens sucht, sondern nach einer Nuss. Findet es eine, ist es ein guter Tag. Stefan Waghubinger wünscht sich, dass nach seinem Tod auf seinem Grabstein steht: «Jetzt hätten die gute Tage kommen können…».


Text und Bilder: Monica Dörig