AV - Viel mehr als eine Cover Band

Randy Newman-Projekt: Schöne Melodien und gescheite Texte von exzellenten Musikern interpretiert.

Drei ebenso charmante und wie virtuose Musiker brachten die Melodien und Texte eines zweifachen Oscarpreisträgers in die alte Hofersäge in Appenzell. Georg Nussbaumer aus Vorarlberg und die beiden Deutschen Manfred Maurenbrecher und Richard Wester begeisterten mit berückendem Gesang, hinreissenden Soli, raffinierten Arrangements und klugen Texten in ihrem Randy Newman-Projekt.

Randy Newmans erste CD war so erfolglos, dass die Plattenfirma sie verschenkte. Seit einem halben Jahrhundert gehört der Pianist und Komponist nun aber zu den fleissigsten und erfolgreichsten Entertainern Amerikas. Fast verschenkt haben die drei Männer des Randy Newman-Projekts die Live-Aufnahme eines Konzerts nach dem von der GfI-Kulturgruppe organisierten Auftritt in Appenzell.

Auch sie sind erfolgreich und preisgekrönt. Nach fast 200 Konzerten mit der Hommage an den 1943 geborenen amerikanischen Songwriter beendeten sie das Randy Newman-Projekt am vergangenen Samstag vor einem sehr begeisterten Publikum in der Hofersäge. Es war ihr erster Auftritt in dieser Formation in der Schweiz und gleichzeitig wirklich der aller-allerletzte als «Randy Newman-Coverband».

Bittersüsse Liebe

Wobei der Begriff Coverband nicht wirklich greift. Bekannte Songs von Randy Newmann, seit diesem Jahr zweifacher Oscar-Preisträger, haben die drei Vollblutmusiker zu Geschichten ausgeweitet, die auch hier und jetzt spielen könnten.
Randy Newman warf in den letzten fünfzig Jahren immer wieder einen liebenden Blick auf sein Amerika, der stets von leichter Bitterkeit durchzogen ist. Er warf aber auch einen kritischen Blick von Amerika aus auf den Rest der Welt. Und so werden in «Sail Away» zwei Seiten einer Medaille besungen - hier der Einwanderertraum von «gleich, reich und frei» und dort der unrühmliche Sklavenhandel - oder ins Heute katapultiert die ungeliebten Migranten aus Ost und Süd. Lustig wie Rattenfänger intonierten die drei vielseitigen Künstler den Abgesang auf die alte Welt.

Kluge Adaptionen

Die Liebeserklärung an Kentucky transportierte Manfred Maurenbrecher unverfroren nach Ostbrandenburg. Der Texter, geprägt von den Siebzigerjahren und Brüdern im Geiste wie Wolf Biermann und Co., münzte auf die lüpfige Folk-Melodie die Tristesse der Randregion. Seine deutschen Texte und Einführungen, mal poetisch, mal ziemlich bissig, gesungen mit leicht brüchiger Stimme, erhielten atemlos gesprochen die Intensität von Slam Poetry.
Mancher Liebhaber von Randy Newmans Songs hätte vielleicht gern auf die Übersetzung verzichtet. Denn schon die Arrangements bereiteten grossen Genuss. Georg Nussbaumer am Piano, der blinde Sänger, der mit seiner umwerfenden dunkel-kräftigen Stimme, warm und inbrünstig die Originaltexte sang, war Erlebnis genug. Und Richard Wester entzückte das Publikum mit seinen lyrischen Soli, seinen energiegeladenen Improvisationen auf Saxophonen, Querflöten und Mundharmonika. Doch wer nicht so gut Englisch versteht, hat die klugen Adaptionen gerne gehört.
Eins-zu-eins-Übersetzungen hat Maurenbrecher nicht abgeliefert. Das Wort allein hätte nicht genügt, um die Botschaft zu vermitteln. Als er es mit Nussbaumer und Wester in «I'm guilty» dennoch einmal tat, wars witzig und mit «schu-schu-schu-schuldig» eben auch ironisch.

Immer wieder aktuell

Vor allem andere Interpreten feierten mit Newmann-Songs ab den Siebzigerjahren Erfolge: Nina Simon, Joe Cocker und andere. Der differenzierte Blick auf die «glorreiche» Vergangenheit seiner Heimat und auf das konservative Amerika gefiel den Intellektuellen, wie zur gleichen Zeit in Europa Chansons und Protestlieder. Zwei der drei Mitglieder des Randy Newman-Projekts sind in jener Zeit auf die Bühnen Deutschlands getreten. Das mag mit ein Grund sein für ihre tiefgründige Auseinandersetzung mit den Newman-Songs.
Wunderbar war es am Samstagabend aber auch, den anrührenden Balladen zu lauschen oder dem etwas überstrapazierten «Falling in Love». Georg Nussbaumers Stimme füllte wie Balsam Gehörgänge und Herzkammern, die luziden Saxophonphrasen von Richard Wester schürten Sehnsüchte.

Gruselgeschichte

Beeinflusst vom Blues der Südstaaten, von Ragtime und Hollywood-Sound hat Newman viele gefällige Melodien geschrieben, die in scharfem Kontrast zu seinen zynischen Lyrics stehen. Fulminant sind seine Arrangements für Grossformationen.
Dieser Kunst zollten auch Nussbaumer, Maurenbrecher und Wester Tribut. Die Stücke wurden raffiniert aufgeschlüsselt und umgepolt. Das durch Joe Cocker weltberühmt gewordene «You Can Leave Your Hat on» wurde zur Schauermär: Ein Stalker lauert der Angebeteten auf, und als er ihrer habhaft wird, singt er ihr das grausliche, fordernde Liebeslied. Gespenstische Mundharmonika-Akkorde und hart gegriffenen Piano-Harmonien liessen den Horror durch die Ritzen des Konzertraums kriechen.
Die drei Musiker, liebenswert und lebenslustig, entliessen das Publikum nach den fröhlichen Zugaben dann aber mit beglücktem Gemüt in die Nacht.

Text und Bilder: Monica Dörig