AV - «Ich begleite nur meinen Begleiter»

Der Kabarettist Michel Gammenthaler bringt uber 130 Zuschauer einen Abend lang zum Lachen

«Kleinkunst ganz gross», kalauerte Michel Gammenthaler am Samstagabend im Restaurant Alpstein in Appenzell. Er traf damit den Nagel auf den Kopf: Mit seinem Programm «Wahnsinn» bot er Unterhaltung, wie sie sein soll: Im rekordverdächtig zahlreichen Publikum – 130 waren es sicher – wurde von Anfang bis Schluss unbeschwert gelacht.

Die «Kulturgruppe Appenzell» hatte den Alpstein-Saal zu einer eigentlichen Theaterbuhne mit beachtlichem Zuschauerraum ausgebaut. Und der Aufwand lohnte sich: Sei es, weil das treue Publikum den Organisatoren inzwischen blindlings vertraut, was die Qualität der Anlässe betrifft, ober sei es, dass Michel Gammenthaler durch seine Fernsehpräsenz in letzter Zeit halt bereits zum unwiderstehlichen Kassenschlager geworden ist: Auf jeden Fall hätten auch bei bestem Willen nicht viel mehr Leute Platz gefunden.

«Das sage ich immer!»
Der Schauspieler, Zauberer und Kabarettist, wie es im Aushang hiess, betrat die Buhne und begann zu plaudern. Er habe sich ganz besonders gefreut auf diesen Abend – «das sage ich allerdings immer!» – aber diesmal stimmt es naturlich, und das hat sogar seinen Grund. Vor Jahren nämlich hatte er einen seiner ersten Soloauftritte im «3Eidgenossen», dem niedlichen niedrigen Kulturhaus, worauf sich der grossgewachsene Gammenthaler vieldeutig buckte. Und deshalb wollte er sich ganz besonders vorbereiten, das Publikum hier ist sehr anspruchsvoll, die Vorbereitung habe er dann aber sofort wieder hinausgeschoben: «Das ist meine Lieblingsarbeitstechnik. Ich entscheide mich sofort, mich nicht zu entscheiden.»
Zwei Anfänge habe er in Betracht gezogen, welchen soll er bloss nehmen? Wie gesagt, Gammenthaler plauderte vor sich hin, viel mehr tat er in seiner Einleitung tatsächlich nicht. Und trotzdem hatte er die Lacher sofort auf seiner Seite. Das liegt an seiner Buhnenpräsenz, das liegt an seiner Art locker von diesem zu jenem zu springen: Er sagt was, nimmt es wieder zuruck, bewertet es, wertet es ab – daraus werden Pointen, die – gezielt gesetzt – so spontan wirken.

«Ah Regula, das macht doch nichts!»
Doch beim Plaudern allein bleibt es nicht: Gammenthaler hat sich nämlich fur einen Kartentrick als Beginn entschieden: «einfach ein Bruller!» Dabei beginnt der grosse Zauberer das Publikum ins Programm zu integrieren, Kurt zum Beispiel, der im Laufe des Abends zum eigentlichen Mitspieler wird. «Und Sie, wie heissen Sie? Regula? Ah das macht nichts, das kann passieren!». Grosses Theater um einen kleinen Trick, der selbstverständlich missgluckt. Dabei hat er die richtige Karte, die dann halt doch die falsche war, so elegant aus der Luft geschnipselt: Kreuz-Bube, statt Herz-As. So eine Schande! «Das ist eine Publikumsverschwörung, ihr haltet doch zusammen, Kurt, was soll das!» Und schon setzt der gescheiterte Hexenmeister an zu einer eigentlichen
Publikumsbeschimpfung.

Theater als Therapie

Dabei deprimiert es ihn völlig, dass der Trick misslungen ist, ganz ehrlich. Er muss sogar in die Psychiatrische, so sehr hat das Kartendebakel sein Selbstwertgefuhl untergraben. Und darauf beruht der weitere Verlauf des Programms. Der arme, kranke Gabathuler muss therapiert werden. Er, der Theatermann, muss wieder an die Normalität herangefuhrt werden, am besten durch eine Theatershow, findet der Therapeut. Das anwesende Publikum darf grosszugigerweise bleiben, sie bilden nun einfach einen zusammengewurfelten Haufen von Statisten im folgenden «Wahnsinns-Stuck». Diese Therapieform gibt dem Kabarettisten die Möglichkeit in die verschiedensten Rollen zu schlupfen, er tritt auf als Psychiater, als sein eigener Berufskollege, als alte Lady, als Schamane usw. Die Kostume wechseln, die Dialekte auch, aber die Gags bleiben.

«Wie bei der UBS»
Buhnenkollege Volker zum Beispiel bietet einen Entfesselungstrick: Die Hände zusammengebunden gibt er sich Muhe, geht hinter die Buhne, gibt sich Muhe – und kommt prompt immer noch gefesselt zuruck, diesmal jedoch mit den Händen auf dem Rucken. Den absoluten Knuller aber bildet sein «Elf-Nötli-Trick». «Wie viele Geldscheine brauchen wir fur diese Zauberei, Alex?», flötet Volker, der den Mitspieler aus dem Publikum mit derart schmelzender Stimme begrusst hat, dass uber seine sexuellen Präferenzen keine Zweifel mehr bestehen können. «Elf, wunderbar Alex, du denkst mit!» Doch damit ist Schluss mit Komplimenten. Jedesmal wenn Volker die Nötli zählt, fehlt eines: «Aber Alex, das hätte ich nicht von dir gedacht! Das geht hier ja zu und her wie bei der UBS.» Als dann das alte Fraueli die Buhne betritt stellt sie energisch klar, dass sie kein Psychi-Insasse ist: «Ich begleite nur meinen Begleiter!» Das im Gegensatz zu Livia, ein totaler Brummer: «Das sind schon keine Problemzonen mehr, das ist ein Krisengebiet!»

Aura, Karma und Kontostand

Ein besonders dankbares Motiv fur Parodien sind immer wieder Gurus, selbsternannte Seelenklempner, Schamanen und andere Varianten aus dem unendlichen Sumpf der Esoterik. Dies weidet auch Michel Gammenthaler genusslich aus. Als Hellseher Dimitri ist er, nach eigenen Aussagen, allen Psychologen haushoch uberlegen, weil er den Menschen als Ganzheit sieht, er nimmt Rucksicht auf ihre Aura, ihr Karma und ihren Kontostand, den diese Gilde allerdings nicht ungern ziemlich rucksichtslos plundert.
Seine Methode ist parapsychologisch, ist magisch und das demonstriert er auch. Hochkonzentriert schaut er ins Publikum: «Ich spure, dass dein Name Kurt ist! Und dort die Regula!» So verkauft er sein Vorwissen als Hellseherei, vermutlich hat er halt doch das dritte Auge, das jedoch nur unter Schmerzen zu öffnen ist.

Dank Neuseeland
Die Therapie hat Erfolg. «Allerdings mussten wir dazu Neuseeland betreten» betont der Professor, der in dieser Szene durchaus den Eindruck macht, als ob ihm ein Stundchen auf der Couch auch nicht schaden wurde. Aber was soll’s? Neuen Mutes wagt sich Michel Gammenthaler noch einmal an seinen Kartentrick, dessen Misslingen ihn so deprimiert hat. Und siehe da: Wieder die falsche Karte, der Kreuz-Bube! Aber, aber Kurt! Doch ein vergnuglicher Abend wie dieser war, muss einfach mit einem Happy End aufhören. Und so streckt der grosse Zauberer am Schluss strahlend doch noch das Herz-As in die Höhe!

Text und Bilder: Toni Dörig